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Isolde Macho

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Achtsamkeit und Spiritualität

Die Pflaumenblüten würden gerne
den Sommer erleben,
doch Wind und Monde verdrängen
sie ohne Geduld.

So welken und fallen die Blüten Tag für Tag,
Jahr für Jahr gehen Menschen in die
Verwandlung ein.
Und dort, wo heute Staubwolken aufwirbeln,
erstreckte sich in alten Zeiten der Ozean.

Aus Hanshan: „Gedichte vom kalten Berg“

Spiritualität und Achtsamkeit im Alltag weisen auf die Tiefendimension unseres Lebens, die trägt, tröstet und anspornt.

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Biblische Erzählungen: gut aufgestellt

Wo Versöhnung wirkt: Zen ud Aufstellungsarbeit

Artikel: Das Mysterium der Liebe ist größer ...

Isolde Macho: „Die Liebe ist ein größeres Mysterium als der Tod“

Dieser Satz ist mir beim Lesen eines langweiligen Krimis begegnet.

Ist das so? Ist die Liebe ein größeres Mysterium als der Tod? Sicher bin ich mir, dass der Spruch meiner Mutter gefallen hätte.

Romantisch genug war sie. Weise genug auch.

Mit dem Heimgang meiner Mutter ist der Tod, das Leben-und-Sterben mir wieder einmal zu einer Infragestellung, zu einem unergründlichen Mysterium geworden. Als wir vor einem Jahr meine Mutter auf der Couch im Wohnzimmer aufgebahrt hatten, meinte mein älterer Bruder treffend: „Man kann genau spüren, dass sie jetzt gegangen ist. Es ist nur noch ihre Hülle.“

Die, die sie beseelt hatte, war nicht mehr. Und doch, wo war sie oder ist das vielleicht die falsche Frage? Wäre es treffender zu Fragen, wie ist sie jetzt? Und bei mir ist nur das Sinnesorgan verstopft, um sie weiter oder anderes und neu wahrzunehmen?

Was ist der Tod? Im Mittelalter stellte man ihn sich als tanzenden Sensenmann vor, der alle heimholt egal ob reich oder arm, Gerechter oder Frevler. Wie der Tod oder wie sich Tot-Sein für den oder die Tote anfühlt, weiß ich natürlich nicht. Ich erfahre nur, wie sich die Erfahrung des Sterbens eines geliebten Menschen anfühlt. Dass nicht mehr da sein. Die verzweifelnde Erkenntnis, dass ich ihre Stimme nie mehr hören werde. Das emotionale Loch in der Brust, das einen droht, zu verschlingen. Gestorben sein, fühlte sich am Anfang bei meiner Mutter auch als Erlösung an. Genau wie mein anderer, mein jüngerer Bruder meinte: „Ich bin gar nicht traurig, ich bin nur froh, dass es endlich vorbei ist.“

Vorbei sein… für sie, für uns, das sagte er nicht, aber das dachten wir beide. Nach Tagen und Wochen intensiven Begleitens ihres Sterbeprozesses.

Im Zen gibt es verschiedene Koans, die sich mit Kranksein und Sterben beschäftigen. Einerseits geht es bei diesen Koans immer um die Frage nach dem Wesen der Buddhanatur im Moment des Krankseins oder Sterbens. Es ist keine primäre Beschäftigung mit dem Tod auf der emotional-psychologischen Ebene. Und doch meint Einsicht in die Buddhanatur immer auch ein Wachsen im Mitgefühl.

In „Tosotsus drei Schranken“ (aus Mumokan Fall 47, zitiert nach Kösel 1989) heißt es:

„…Man bahnt sich einen Weg durch das Gras und kommt zum Meister, allein um Selbst-Wesensschau zu erreichen. Nun, ehrwürdige Mönche, wo befindet sich euer Wesen in diesem Moment?“

„Hat man die Wesensnatur erfasst, entrinnt man Leben und Tod. Wie entrinnt ihr Leben und Tod in dem Moment, da das Augenlicht erlischt?“

„Ist man von Leben und Tod befreit, weiß man, wohin man gehen soll. Wenn die vier Elemente zerfallen sind, wohin geht ihr dann?“

Anfang zwanzig habe ich diese Koans bei AMA Samy S.J. im Dokusan „gelöst“, wie es so schön heißt. Ja, es war eine befreiende Erkenntnis, doch es war für mich auch so leicht, die dualistische Gedankenschranke zu durchschreiten und im Hier und Jetzt mich in den Kontext des Koans einzulassen und passend zu präsentieren. Was hatte das wirklich mit dem Schrecken einer Sterbenserfahrung zu tun? Nichts!

Was mich meine Eltern gelehrt haben, da ich bei beiden bei ihrem Sterbensprozess dabei sein durfte, war die eigene Ohnmacht auszuhalten, und einfach Dazusein mit ihnen. Mit ihnen sein- ohne mehr etwas tun können, oder müssen. Meine Mutter hat mir in ihren letzten Minuten noch etwas sehr Wesentliches gezeigt. Nämlich in solchen Momenten, wo es nicht mehr ums Tun geht, nur noch um das Sein, dass ich da gut für mich selbst sorgen darf. Obwohl ich dachte, dass sie sich gar nicht mehr bewegen kann, hat sie mir doch mit einer kleinen Handbewegung gezeigt, dass ich mich weiter weg setzen darf. Von da habe ich sie dann mit dem Rezitieren von Sutren und den Holzschlägen des Mokugyo hinüberbegleitet.

Ein anderes wundervolles Koan, das nicht nur von einer philosophisch-spirituelle Einsicht zeugt, vielmehr das Herz des Zen, Karuna, eine tiefe alltägliche Barmherzigkeit zum Ausdruck bringt, ist folgendes (aus: Mimi Marchal, Eenvoudige wijsheid, 1999, S. 113. in meiner Übersetzung)

„Zenmeister Tokosan lag im Sterben und man stellte ihm folgende Frage: „Ist da jemand, der nicht krank ist?“

Tokosan antwortete: „Ja.“

Darauf fragte der Mönch: „Wie begegnest du ihm?“

Tokosan sagte: „Au, weh, ach.“

Einerseits will dieses Koan uns in der Meditation hinleiten zu jener EIN-Sicht jenseits von Krank und Nichtkrank, von Ja oder Nein, gut oder schlecht, Tod oder Leben. Gleichzeitig geht es im Zen nie um ein plattes „wir sind alle Eins“, vielmehr immer auch um diesen „Nicht“-Aspekt des Nichtfassbaren. So antwortet Tokosan, gerade selbst sterbenskrank: „Ja“. Im Kranksein bin ich nichtkrank und im Nichtkrank sein bin ich krank. Es ist hier jener spirituelle Reifemoment, wo unser Herz wachsen darf, sich zeigen kann. Die Nicht-Unterschiedenheit hat eine andere Qualität als Einssein.

Da her folgt gleich die für Koans typische Fragewendung in das konkrete Hier und Jetzt: „Wie begegnest du ihm? Oder anders formuliert: Zeige mir Buddhanatur in der konkreten Begegnung, jenseits nichtdualistischer Spekulationen.

Wer es christlich sehen möchte, kann in dem „Au, weh, ach.“ Gottes Gegenwart im Leiden sehen. Oder das „Skandal des Kreuzes“, wie Paulus es ausdrückte. Auch, wenn manche heute mit dem am Kreuz hängenden Christus nichts mehr anfangen können oder sich daran gewöhnt haben, ohne tiefer zu fragen, was sie da eigentlich sehen. So ein Gottesbild war und ist ein Skandal. Zeigt sich hier doch Wirklichkeit, die alle unsere Spekulationen oder Fantasien über Gott und Welt, Sinn und Unsinn in Frage stellt.

In dem „Au, weh, ach“ zeigt sich das Mysterium der Liebe das größer ist als der Tod. In diesem Jammern oder Stöhnen sind wir mit dem Leidenden oder Gestorbenen verbunden. Ein Verbundensein in Liebe und mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Diese Liebe ergreift nicht Besitz über den andern.

Wenn hier vom Mysterium der Liebe gesprochen wird, dann weist das auf eine Tiefenqualität von alltäglicher Liebe hin, wie wir sie in der Liebe zwischen Eltern und Kind kennen, oder zwischen Partnern, vielleicht auch zwischen Hund und Frauchen.

Meine Mutter kannte diese Tiefenqualität, denn sie hat gelernt den Mund zu halten. „Myo“ von Mysterium kommt aus dem Griechischem und bedeutet: Den Mund verschließen. Sie hat sich immer wieder eingelassen, in das Schweigen auf dem Kissen, auch, wenn sie manchmal voll Zorn war oder enttäuscht. Das Einlassen in das Schweigen der Liebe meint Loslassen von Gedanken über richtig oder falsch. Das Sitzen auf dem Zafu ist das Eingangstor zum Mysterium der Liebe.

Im Schweigen – schon heute - wird diese Liebe geboren, die Lebende-und-Gestorbene verbindet.